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Nicht ohne meine Dose ... die
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Was nehm ich bloß mit auf die Reise? Marie Simon hat eine
Kulturgeschichte der Koffer und Kompasse, Helme und Hemden
geschrieben
von Ulli Kulke
Die wahren Abenteuerfahrten sind Angelegenheiten von gestern,
sagen Sie? Da kennen Sie die harten Männer wie Arved Fuchs,
Burghard Pieske oder unzählige andere dieses Schlages nicht. Eine
Spezies, die uns vor dem Fernsehschirm mit auf Reisen nimmt, wie sie
früher einmal Entdecker und Pioniere auf sich nahmen.
"Auf den Spuren von..." lautet ihr Markenzeichen,
entbehrungsreich klingt ihr Programm. Hier folgt einer der eisigen
Route von Polarforscher Shackleton, da fährt der andere die
strapaziöse Fahrt des ausgesetzten Bounty-Kapitäns Bligh im
offenen Boot durch die Südsee nach. Der dritte nimmt das
Buschmesser und schlägt sich dort, wo noch Dschungel wächst, als
Henry Morton Stanley verkleidet nach Ujiji durch, um dort
irgendeinen David Livingstone öffentlich zu treffen.
Irgendwo allerdings hat das Authentische solcher Trips dann seine
Grenzen. Nicht nur weil TV-Teams zugegen sind. Aufschlußreich ist
bisweilen der Abspann des Films. Anbieter von Sicherheits-Equipment,
von moderner Trekking-Ausrüstung, von GPS-Geräten und anderer High
Tech kriegen da eine Dankeszeile. Jeweils ausgestattet nach dem
Stand der Technik müssen die modernen Fährtenleser nämlich nicht
mehr die Ängste und Strapazen ausstehen, die ihre Vorbilder
plagten. Der einsame Nordpolwanderer, der aufgeben will, muß heute
nicht den langen Weg zurückmarschieren; er schickt ein Digitalfoto
per Handy los - schon kann sich der Schneepilot im nächsten Stützpunkt
ein Bild von der freigeschippten Landebahn machen, bevor er seine
Cessna anschmeißt.
Wir können ihnen nicht entfliehen, den modernen technischen
Fahrtenbegleitern. Und wir wollen es auch nicht, wenn wir ehrlich
sind, obwohl wir uns in unseren Reisephantasien immer auf die
goldene Zeit beziehen, bevor es die kleinen Helfer wie
Navigationssysteme gab, die superleichten Gepäckstücke, die
wasserdichten Wärmekleider, die es heute erlauben, einfach so über
den Atlantik zu schwimmen oder allein auf den Mount Everest zu
wandern - wo man heute von Glück sprechen kann, wenn oben nicht
schon der Hubschrauber-Passagier wartet.
Es war ein langer Weg zu diesen Bequemlichkeiten und der
absoluten Sicherheit - besser gesagt: bis zum traurigen Verlust der
letzten Unsicherheit. Wenn es so weiter geht, dürften wir bald von
ganz anderen Parcours hören. In der Badewanne und in Thermoanzügen
über den Atlantik ist keine Herausforderung mehr, in GI-Kluft von
Mosul nach Basra wäre die Alternative unserer Tage, natürlich mit
Begleitfahrzeug. Aber es geht auch ganz anders, abends im Lehnstuhl.
Marie Simon hat nun ein buntes Buch herausgebracht, ja eher schon
eine gebundene Illustrierte, die dem so illustren Menschenschlag des
Reisenden über die Jahrhunderte nachfühlt, vom Beatnik zum
Polarforscher, vom Auswanderer zum Touristen, Business-Traveller,
Entdecker, Luftfahrtpionier. Was haben die Menschen früher mit sich
genommen, was half ihnen über die Beschwernisse des Reisens hinweg,
was schenkte ihnen Sicherheit, was mußten, konnten, durften sie
einpacken und vor allem in welche Behältnisse. Oder: Auf was haben
sie verzichtet - weil es einfach schick war? Am wichtigsten war
stets: Wie ziehe ich mich an?
Kein Tourismusforscher, Mobilitätsexperte oder
Entdeckungsgeschichtler führt uns hier durch die Epochen des
Reisens, sondern trefflicherweise eine Kunsthistorikerin und
Modejournalistin, ist doch die Frage der Reise-Accessoires, ja auch
die Art des Reisens selbst weniger eine Frage der Zweckmäßigkeit
oder der Kofferraum-Größe als des Stils, der Mode, des Geschmacks.
Das Unterwegs wirkt standortbestimmend in der Gesellschaft, schafft
den Jet-set, für den der Weg mindestens ebensosehr das Ziel ist wie
für die Road People, die dem Minimalismus frönen; es schafft den
Bildungsbürger mit dem Baedeker, den unauffälligen Trinker auf der
Butterfahrt. Und wo sonst werden die Bürger noch offiziell in
Klassen eingeordnet, als in Bahn, Flugzeug oder Schiff?
Vieles ist verloren gegangen heute, eigentlich die großen,
markanten Ikonen, die einst das Reisen ausmachten. Der Überseekoffer
verschwand mit dem Begriff Übersee, denn wer fährt heute noch über
die See zu anderen Kontinenten? Vorbei die Zeit, da große Reisen
auch großes Gepäck mit sich brachten, weil man so schnell nicht
wiederkam. Der Tropenhelm und auch das Tropenhemd verschwand mit den
Tropen, die heute nur noch aus klimatisierten Räumen und Fahrzeugen
bestehen, mal abgesehen von luftigen Stränden und Safaris im
offenen Wagen.
Die Suche nach Sicherheit und Bequemlichkeit auf Reisen und
optimaler Orientierung waren in jeder Epoche verbreitet; was heute
die Satellitennavigation ist, war einst der Baedeker. Seine Ratschläge
waren Instanz: "Könige und Regierungen können sich irren,
aber Herr Baedeker niemals" - diese Zeile schrieb Jacques
Offenbach schon in seine 1866 komponierte Operette "La Vie
Parisienne" hinein. Karl Baedeker sagte, wo es lang ging, und
was man mitzunehmen hatte. Es war Reisestandard. Wer nach Südasien
fuhr, dem wurde in der Indien-Ausgabe von 1914 neben vielem anderen
ein "ein eigenes Waschbecken", auch "ein vollständiges
Bett" anheimgestellt. Daß deshalb am besten gleich ein
Bediensteter mitfuhr, mußte Baedeker nicht erst erwähnen.
Kein so großes Problem für die Reiselustigen damals waren
Stationen wie Indien eben, aber auch die Stätten der
mittelamerikanischen Hochkulturen, das Zweistromland und die
Pharaonengräber zu jener Zeit doch eine Art erweiterter "Grand
Tour", eine etwa halbjährige Bildungsveranstaltung im Leben
eines heranwachsenden Studiosus vor allem aus begütertem Hause,
hervorgegangen aus der "Kavaliersreise" im England des 17.
Jahrhundert. Im späten 18. Jahrhundert, da Zeitgenossen wie Goethe
und Humboldt als große Reisende Berühmtheit erlangten, begannen
Blut- wie Geldadel, unter diesem Etikett ihre Sprößlinge zu den
Wirkstätten der Weltkulturen zu schicken, zunächst in Europa. Später
dann, im "Goldenen Zeitalter" des Reisens, zwischen dem
ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg, in die ganze
Welt.
Es war dies die Epoche, als es noch einige wenige weiße Flecken
auf dem Globus gab, als aber eine wachsende Oberschicht bereits den
Tourismus zum Leben erweckte. Als quasi der Original-Shackleton auf
seinem Weg zur Terra incognita in Kapstadt dem Deutschen mit seinem
Südafrika-Baedeker über den Weg laufen konnte; als auf Reisen das
Phantastische dem Gelebten so nah war wie nie zuvor oder danach.
Jenes Goldene Zeitalter ist es denn auch, dessen sich das Buch
"Nimm mich mit" am stärksten widmet. Es ist das
dankbarste für diesen Zweck. Nicht einfach nur, weil gerade diese
Ära angesichts der vielen schönen Bilder unsere alte nostalgische
Ader mit frischem Blut füllt. Die Reisenden waren nicht mehr mit
Unikaten, was Kleidung, Gepäck und Ausrüstung angeht, unterwegs,
sondern mit Serienfertigungen, die das Stilbildende erst zur Blüte
trieb. Die Tourismus-Industrie - Thomas Cook nahm sein Reisebüro-Geschäft
Mitte des 19. Jahrhunderts auf - zieht die Ausrüstungs-Industrie
nach sich. Die Zeit, als Louis Vuitton groß wurde: Vom Übersee-
und Kabinenkoffer über die zerlegbare (und in drei
Louis-Vuitton-Koffer verstaubare) Pferdekutsche bis hin zum
Campingauto samt Vorzelt und Waschschüssel für den Chauffeur.
George Mortimer Pullman und die Wagon-Lit Compagnie kümmerten
sich um die Ausstattung der Luxus-Eisenbahnzüge mit fürstlicher
Bedienung, der schottische Physiker James Deware nahm sich der
Selbstversorger an mit der Erfindung seiner Thermoskanne, die von
dem Amerikaner William Walker massenhaft vermarktet wurde. Auch der
praktisch-handliche Dosenöffner war zuerst ein Reise-Werkzeug. Wie
überhaupt die Konservendose als Nahrungsbehältnis auf monate- oder
sogar jahrelangen Fahrten die Expeditionsversorgung einen
entscheidenden Schritt nach vorn brachte.
Allerdings - und auch dies thematisiert das Buch - brachten
gerade solche Neuerungen beim Reiseproviant manchen Rückschlag.
Alle Teilnehmer einer der berühmtesten Arktisfahrten, der
Franklin-Expedition, starben nach neuesten Erkenntnissen an einer
Bleivergiftung, hervorgerufen durch unsachgemäß verschweißte
Dosen. Dabei waren gerade Franklins Schiffe mit allem nur
erdenklichen Luxus der industriellen Revolution wie Zentralheizung
und Heißwasserversorgung ausgestattet. Daß aber maximale
Ausstattung nicht unbedingt zum Ziel führt, mußte wenig später
auch ein anderer Brite erfahren. Robert Scott, der mit Pferden und
Motorschlitten als erster den Südpol erreichen wollte, mußte sich
dem Norweger Roald Amundsen geschlagen geben, der seine Mannschaft
und sich eher nach der Maxime des Minimalismus ausgerüstet hatte.
Beide Varianten kennt die Reisekultur von Anfang an bis heute,
vom pilgernden Bettelmönch bis zum modernen Tramp, von der
wandernden Nomaden-Zeltstadt bis zur Karawane der Campingmobile. Und
dazwischen irgendwie die "Auf-den-Spuren-von"-Vermarkter,
die gern früher und knapp gereist wären, aber nur heute und üppig
können.
Marie Simon: Nimm mich mit... Eine kleine Geschichte der Reisebegleiter.
Frederking & Thaler, München. 183 S., 34,80 EUR
PS:
Heutige Dosen aus Weissblech sind lebensmittelecht und ungefährlich
selbst mit befüllten Fruchtsäuren.
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